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Zeniuk, Jerry

Wolkenbach

Gut wohnt weit. Die Reise zur Jerry Zeniuk führt vom niederrheinischen Kopfweidenäquator Richtung Süden. Patrona Bavariae. Zeniuk könnte nicht in Berlin wohnen. »Kein Licht für Maler.« Berlin hat Licht für Grafik. »Das Licht ist flach.« Zeniuks Licht leuchtet in München. Straßenbeleuchtung ist nicht gemeint.

Umgezogen
Jerry ist umgezogen. Neues Atelier. Ein halbfertiges Paradies, angefüllt mit dem Lärm der Handwerker. Zwei Ledersofas sind schon da. Die Boxen auch. Die CD-Sammlung. Die Kaffeemaschine. Lektion 1: Nicht die Kaffemaschine zählt. Alles entscheidet sich schon in der Mühle. »Möchtest du einen Cappuccino?«
Zeniuks Atelier: A room with a view. Zimmer mit Aussicht. Na ja – Zimmer scheint leicht untertrieben. Der Blick: Himmelwärts. Die Decke: Eine gläserne Haube. »Früher wollte ich immer ein Atelier gleich neben einem kleinen Bach.« Mit dem Bach hat es nicht hingehauen. Dafür ist eine Wiese in der Nähe: Die Theresienwiese, Münchens Oktoberwohnstube. Draußen sorgt ein Fensterputzer für streifenfreies Firmament. Er putzt nicht den Himmel. Er arbeitet am Glas. Raum und Räumlichkeit.

Himmel über München
Zeniuks Bach sind die Wolken. Himmel über München. Je älter einer wird, umso mehr steigt die Blickrichtung. Das muss nichts Religiöses haben. Es erzählt vom Widerspruch. Alles Sterben beginnt im Augenblick des Werdens. Das allerdings wird erst im Alter klar. Vielleicht ist es nicht das Alter – es ist die Verdichtung der Erkenntnis. Erkenntnis braucht Zeit.
»Zuerst denkst du, es ist wichtig, was die Welt über dich denkt. Dann merkst du, dass es wichtig ist, was du über die Welt denkst«, sagt Zeniuk.
Kann man eigentlich überall malen, oder ist der Raum Teil des Bildursprungs? Beginnt das Bild auf der Leinwand oder ist es die Verlängerung eines Gedankens? Einer wie Zeniuk kann überall malen – so, wie er überall denken kann. Trotzdem hofft er auf den neuen Raum am Wolkenbach. Nein, hoffen ist das falsche Wort. Überhaupt gibt es mehr falsche Worte als richtige. Das liegt an der Beschaffenheit der Erkenntnis. Wenn einer wie Zeniuk Erkenntnisse hat, entziehen sie sich einer vordergründig sprachlichen Ebene. Wirkliche Erkenntnis ist etwas, das sich im Inneren abspielt – in eben jenem Raum, der mit Worten nicht zu betreten ist. Erkenntnis ist ein Paradox. Da flackert ein Licht in einen geschlossenen Raum. Öffnest du die Tür, erlischt die Flamme im Luftstrom.  Dann lebst du mit der Erinnerung.

Jonglage
Kunst im fortgeschrittenen Stadium ist Jonglage mittels Intuition. Wer mit Kunst umgeht, umarmt den Abgrund in der eigenen Seele. Trotzdem: »Malen ist eine ganz und gar unheilige Sache«, sagt Zeniuk. »Malen bedeutet: Entscheidungen treffen. Du löst Probleme.« Das Bild ist ein gelöstes Problem, aber niemand darf das spüren. Die Leute bekommen eine Lösung. Das Ziel ist das Ziel. »Früher habe ich versucht, perfekte Bilder zu malen«, sagt Zeniuk. »Erst mit den Jahren kam die Erkenntnis: Perfektion ist eine monströse Form von Langeweile.« Ein Gesicht aus perfekter Symmetrie wäre nichts als ein optisches Monster. Zeniuk zu beschreiben führt in die Grenzregion von Sprache.
»Als Maler triffst du Entscheidungen«, sagt Zeniuk. »Das ist, wenn du jung bist, ein Drama. Es ist ein Kampf. Mit den Jahren wird aus dem Ringen ein Schweben.« Alles Gewicht ist verinnerlicht. Es ist zur Wolke geworden. (Der Fensterputzer.)



The space between
Zeniuk hört viel Musik. Mit der Zeit entwickelst du das Gespür für die Welt zwischen den Noten. (»There's space between the notes.«) Zeniuks Bilderwelt hat längst die Zwischenräume erreicht. Seine Farbräume bestehen nicht aus Perspektiven. »Perspektive ist etwas Angelerntes. Etwas Künstliches.« Zeniuks Räume bestehen aus dem Platz zwischen den Farben. Zeniuk ist ein Kantenmann. »Zeichnen war für mich nie ein Thema. Beim Zeichnen geht es um Linien. Für mich ist die Fläche wichtig. Der Rand der Flächen. Ich bin ein Kantenmann. Malerei ist nach außen hin körperlich, aber der Kern ist nur visuell. Das macht die Spannung aus. Dazu kommt der Aspekt der Zeit: Natürlich brauchst du Zeit, um ein Bild zu malen. Beim Sehen wird all das auf einen Moment reduziert. Musik ist ohne Zeit nicht denkbar. Dadurch entsteht eine ganz andere Form der Dramaturgie – des Narrativen. Es gibt eine Entwicklung, und die Entwicklung ist ein wichtiger Teil des Prozesses. Du nimmst eine Stufe nach der anderen. Ein Bild ist eine andere Sache: Du betrittst einen Raum, siehst ein Bild, und du wirst immer dieses Bild sehen. Es ist schon komplett da. Was sich ändert ist deine Beziehung zu dem Bild. Das öffnet vielleicht neue Perspektiven, aber alles, was du siehst, war von Anfang an da. Das, was du mit dem ersten Blick siehst, ist dasselbe, was du auch beim dritten Blick siehst«, sagt der, für den das Bild bereits die Lösung ist. Sagt der, der die Zwischenschritte körperlich erlebt hat. Zeniuk: »Du siehst beim ersten Mal natürlich dasselbe wie beim zehnten Mal. Was sich ändert ist das Verständnis. The comprehension.« Ein Bild, das du magst, ist ein Bild, das dich kennt.

Gemaltes Denken
»Sehen hat für einen Maler viel mit Denken zu tun.« Malerei also als angewandtes Denken. Kunst, dieser Eindruck entsteht, ist eine mysteriöse Bündelung von Denken, Handeln und Empfinden. Trotzdem ist da der unheilige Akt des Malens. Kunst ist eine spezielle Form des Autismus: Übersetzung von Denken in Töne, Linien, Farben, Formen. Zeniuk ist einer, der in Farben denkt. Auf der Spur der Farbe klären sich existenzielle Fragen. Der Widerspruch des Lebens an sich: Dass das Sterben im Augenblick des Werdens seinen Anfang hat. Jedes Bild, jede Komposition, alles Theater, jeder Text ist ein Stück Erkenntnis im Umgang mit eben diesem Widerspruch, und was dem einen – dem Produzenten – unheiliger Akt der Auseinandersetzung ist, wird am anderen Ende der Wahrnehmung zum heiligen Zauber. Der eine denkt in Problemlösungen - der andere in Inspirationseinheiten. So entsteht der Reiz des Wunderbaren. So entsteht ein Wert abseits des Messbaren.

Roman als Standbild
»Der Maler ist der Philosoph unter den bildenden Künstlern«, sagt Zeniuk. »Bilder stellen einen Zusammenhang her«, sagt Zeniuk. Er spricht von einem Zusammenhang zwischen Raum und Räumlichkeit. Malerei ist das Standbild eines Romans. Alle Handlung reduziert – zusammengefasst in einer einzigen Ebene der Wahrnehmung. »Kunst ist Bewusstsein«, sagt Zeniuk. Bewusst sein. »Das Bild stirbt, wenn ich sterbe«, sagt Zeniuk und meint nicht, dass die Kunst mit dem Künstler der Welt abhanden kommt. Zeniuk spricht vom Bild im Betrachter. Nicht nur für den Maler ist Kunst die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit. Ein gelungenes Bild wird zum Puzzlestein im Kampf gegen die Paradoxie des Lebens. Es ist ein Sandkorn auf der Baustelle der Erkenntnis. Aber vor aller Erkenntnis steht das Erkennen. »Wenn es etwas Zeitloses gibt – etwas das uns überlebt –, dann sind es die Gedanken«, sagt Zeniuk.

Scheintreppe
So werden seine Bilder zu Gedankenbotschaften. Flaschenposten. Aber es gibt keinen Gedanken, der alles erklärt. Und wenn es ihn gibt, dann nicht als Satz. Nicht als Essenz. Es gibt ihn nur als etwas Ungreifbares. Den Raum der Erkenntnis betrittst du nicht mit Worten. Wahre Erkenntnis hinterlässt Sprachlosigkeit. Sprache ist nichts anderes als eine Scheintreppe ins Verstehen. Zeniuk lässt die Farben gegeneinander antreten. Er lässt sie miteinander in Korrespondenz treten. Immer wieder geht es um die Überbrückung von Widersprüchen. »Die Kreisform ist für mich ganz wichtig. Kreise wollen nicht zueinander. Sie grenzen sich aus«, sagt Zeniuk. So schafft er Grenzgebiete – vermintes Terrain der Form, das mittels Farbe kommuniziert. Er arbeitet an Spannungen – versucht herauszufinden, welche Farbe welche Spannung aushält. Auf der einen Seite stehen Wissen und Erfahrung – auf der anderen Seite immer wieder neue Versuche des Aushaltens. Als Komponist wäre Zeniuk einer, der am Flügel die Klänge gegeneinander antreten ließe anstatt Kopfschlachten zu instrumentieren. Erkenntnis bedeutet auch: Sich immer wieder auszuliefern. Kunst ist eine Form des Sich-Aussetzens – des immer wieder Ausprobierens. Wer keine Zeit mehr hat, wird zum Trommelrevolver. Drehung – Schuss – Drehung – Schuss.

Unterricht
»Meine Schüler möchten Urteile von mir. Urteile sind nicht wichtig. Wichtig sind Prozesse. Es ist wichtig, wie du zu einem Bild kommst. Urteile sind etwas, dass man braucht, wenn wenig Zeit da ist. Urteile verkürzen das Denken. Man lässt sich nicht ein. Man urteilt. Ich weiß, dass ich heute ein anderer Maler wäre, wenn ich nicht unterrichten würde. Ich weiß nicht, welcher Maler ich wäre, aber ich weiß, dass ich ein anderer wäre. Die Tatsache, dass ich über Kunst sprechen musste, hat eine Form vom Denken erzeugt, die mich verändert hat. Da bin ich ganz sicher. Unterrichten ist eine Form von Privileg.«

Farbe
»Farbe ist für mich die intensivste Form der Annäherung an den Raum. Perspektive ist etwas Illustratives. Perspektive existiert nicht. Letztlich gibt es keinen Unterschied zwischen Abstraktem und Konkretem. Es geht um ein visuelles Prinzip. Es geht um einen Farbklang. Der Unterschied liegt in der Zeit. Auf der Straße herrscht ein anderes Zeitgefühl als in einem ruhigen Raum, der dir Platz für mehr Konzentration anbietet. Das unterscheidet die Malerei von dem Leben auf der Straße. Malerei ist etwas Reflektiertes.« Über Zeniuk zu schreiben ist angewandte Unmöglichkeit. Er ist einer, der zwischen den Zeilen existiert. Er ist einer, für den es keine Rezeptur gibt. Eben das macht die Frische seiner Bilder aus. »Früher habe ich gedacht, es geht darum, was die Welt über mich denkt. Heute weiß ich, dass es wichtig ist, was ich über die Welt denke.«

Widerspruch
»Hast du dich je gefragt: Warum soll ich mir in einem schönen Raum ein Bild anschauen? Die Antwort ist: Das Bild ist ein Widerspruch. Meine Bilder lerne ich beim Malen kennen.« Zeniuks Schlusssatz: Alles ist so klar - es ist nur schwer zu sehen.