Schweer, Paul
Wände gibt es immer
Ein Gespräch mit Paul Schwer
Der Auftrag: Schreib doch mal was über den. Der – das ist Paul Schwer. Warum eigentlich nicht. Der Mann ist interessant. Korrektur: Den Mann kenne ich nicht. Seine Arbeiten gefallen mir. Also: Am besten ein Besuch im Atelier. Es passt leider nicht, lässt der Künstler übermitteln. Er hat gerade nichts da. Das kennt man. Wahrscheinlich würde ich schon auf den ersten drei Metern über vier Arbeiten stolpern. Aber: Er hat gerade nichts. Schwer kommt also ‚runter‘: Niederrhein, unten links, knapp vor dem Gouda-Äquator: Die Galerie Ebbers. Treffen in der Galeristenwohnküche. Suppe. Bier. Tee. Was man so braucht. Es tut ihm leid, dass die Sache mit dem Atelier nicht geklappt hat. Ein Andermal. Für jetzt und hier: Gespräche über das Wesentliche. Draußen dämmert es. Drinnen auch: Das wird ein ruhiges Gespräch. Kein Fragenkatalog. Unterhaltung fernab vom Kunst-Kanon. Einfach mal in die Luft schießen und abwarten, was nach dem Knall passiert. Können wir? Wir können. Änd Äcktschen.
Ist eine Skulptur Malen im Raum?
Es gibt eine Art von … nennen wir es mal Definitionszwang. Da geht es permanent um die Frage: Biste jetzt Maler, oder biste Bildhauer? Die Antwort ist unwichtig und heute überholt. Es gibt einfach zwei Ausgangspunkte. Das eine ist die Farbe. Das zieht mich an und geht natürlich in Richtung Malerei. Das andere, das mich immer beschäftigt hat, ist der Ort der Malerei. Ort ist dabei natürlich ein zweideutiger Begriff. Was ich meine ist der Träger der Malerei. Wo trägst du deine Farbe auf? Malerei kommt doch eigentlich von der Wandmalerei. Das ist gewissermaßen der Ursprung. Die erste Wand war die in einer Höhle. Ein Bildchen unterm Arm zu tragen – das ist ja eine eher späte Entwicklung. Das jedenfalls ist meine Wahrnehmung.
Wände gibt es immer. Die erste Wand, die du erlebst, ist die Gebärmutter – deine letzte Wand ist dann die des Sarges. Das stammt aus Vilém Flussers „Dinge und Undinge“. Du bist also permanent von Wänden umgeben. Genau das hat mich immer interessiert. Ich erinnere mich noch an eines meiner ersten Ateliers. Unten gab es lauter dicke Wände – oben drüber war ein großer Dachstuhl. Unten habe ich die kleineren Bilder gemalt, und oben musste ich mir die Wände eigentlich selber bauen: Das waren dann direkt die Bilder. Das ist im Grunde zusammengefallen: Bild und Wand waren plötzlich dieselbe Sache. Genau da liegt dieser Augenblick von Spannung: Wie die Vorstellungen von einem Raum einen Einfluss auf die Malerei und auf die Farbe bekommt.
Bei der Gotik zum Beispiel hast du das Gefühl, dass Wände sich auflösen in Licht. Ich für meinen Teil habe irgendwann angefangen, Malerei in Einzelteile zu zerlegen. Da ist die Farbe. Da ist der Bildträger. Und dann ist da das Licht. Das sind die drei zentralen Komponenten für mich. Das beeinflusst sich natürlich gegenseitig. Wenn beispielsweise das Licht stärker wird, ist die Farbe transparenter. Wenn du das dann zu einer Wand zusammendenkst, kommst du sehr schnell an den Punkt, wo klar wird: Das Material ist dann Glas. Oft hat der Schaffensprozess aber auch damit zu tun, welches Material da ist – was also zur Verfügung steht. Das übt natürlich dann auch einen Einfluss aus. Das bekommt beim Denken ein ganz eigenes spezifisches Gewicht.
In meinem letzten Atelier gab’s ziemlich große Glaswände – das waren ehemalige Großraumbüros. Da stand einfach überall Glas herum. Ein toller Bildträger. Farbträger. Du guckst einfach durch. Hast diese Transparenz und somit ist immer auch der Raum mit im Spiel. Der Bildträger lässt ihn quasi durch. Das ist eine vollkommen andere Situation als du sie mit einer Leinwand erlebst. Da findet eine andere Verortung im Raum statt. Genau das sind die Vorgänge, die mich schon immer interessiert haben. Einfach auch mal davon wegzugehen, dass ein Bild immer auf der Leinwand stattfindet. Ich habe das natürlich jahrelang auch gemacht. Aber wenn du das einfach mal öffnest, dann stehst du mit einem Mal vor einer unglaublichen Menge von Möglichkeiten, die vorher im wahrsten Sinne des Wortes zugestellt waren. Dann bekommt der Raum plötzlich eine selbstständige Funktion innerhalb der Malerei, weil er dich praktisch zum Teil des Bildes macht, sobald du ihn betrittst.
Das Atelier
Ich habe zum Beispiel ein relativ chaotisches Atelier. Sehr roh. Da könntest du nicht wohnen. Es ist einfach ein Arbeitsraum. Da entstehen dann halt die Bilder. Wenn die dann in eine andere Umgebung kommen, habe ich das Gefühl: Die Bilder verändern ihr Aussehen. Das heißt aber doch, dass das Drumherum schon einen Einfluss ausübt. Dass es für Veränderung sorgt. Das Drumherum ist aber doch der Raum. Indem er Einfluss ausüben kann, ist er gewissermaßen Teil der Kunst. Das lässt sich ja nicht einfach wegdenken. Die Bilder können sich nicht entziehen. Und der Betrachter auch nicht. Es ist ein Zusammenspiel. Eine Art von Dialog. Die Kräfteverhältnisse sind nicht klar definiert.
Natürlich ist das Atelier ein Teil von mir. Ich erkenne mich in jeder Ecke irgendwo wieder. Aber es gibt da schon eine Zweiteilung. Da ist der Raum, in dem ich wohne und der, in dem ich arbeite – wo ich die Sachen um mich herum verteile. Ich brauche eine Art von unordentlicher Ordnung. Es muss die Möglichkeit geschaffen werden, dass sich Dinge begegnen, die sich normalerweise nicht begegnen würden. Das können Farben sein. Oder Gegenstände. In jedem Fall ergibt sich aus solchen Begegnungen eine Art Spannung. Da passiert dann etwas, das in mir Bilder auslöst oder Farbklänge freigibt. Ich würde schon sagen, dass ich sehr abhängig bin von Dingen wie Material. Von Farbstimmungen. Von Licht. Da wird es dann wichtig, ob da jetzt eine Styroporplatte steht oder vielleicht ein Stück Eisen. Jedes Material ändert irgendwie die Denkrichtung. Natürlich entstehen Bilder auch über Klänge. Wenn ich Musik höre, werden auch Bilder evoziert. Klänge setzen Prozesse in Gang.
Zuhause
Da hängen Bilder von Freunden. Von mir finden sich dann eher Probestücke. Manchmal aber auch ein älteres Bild, das mich dann wieder interessiert oder Sachen, an denen ich gerade arbeite – über die ich nachdenke … die ich ausprobiere. Es ist also nicht so, dass die vermeintlich zehn besten Werke aufeinander treffen. Es ist eigentlich mehr eine Testsituation. Wie schon gesagt: Zuhause sehe ich, was mich gerade beschäftigt. Ich finde heraus, was die Bilder aushalten. Was ich aushalte.
Trennung
Früher gab es Punkte, an denen es mir schwerfiel, mich von Bildern zu trennen. Heute ist es manchmal so, dass ich denke: Da ist eine Werkgruppe, die ich gern eine Zeitlang zusammenhalten würde. Das ist eine Art Ensemble, das man gern für eine Ausstellung hätte. Das ist bei mir aber eher die Ausnahme. Es ist mittlerweile meist eher so, dass ich mich freue, wenn etwas weg ist. Der Abschied von einer Arbeit impliziert ja irgendwie den Befehl, etwas Neues zu machen. Du sitzt sonst irgendwann auf einem Haufen Vergangenheit, der dir die Zukunft ausbremst. Und natürlich gibt es auch die verrückte Vorstellung: In jeder Arbeit, die ich neu anfange, ist etwas von der Alten, aber es gibt eben eine Weiterentwicklung. Es wird besser. Das können aber andere besser beurteilen. Ich weiß gottseidank nicht, ob meine besten Arbeiten schon passiert sind. Es ist wichtig, immer wieder etwas Besseres machen zu wollen. Neue Sachen zu versuchen. Neue Richtungen einzuschlagen. Die Vorstellung, das Beste schon gemacht zu haben, ist irgendwie unerträglich. Sie würde doch alles Nachfolgende zur zweiten Wahl machen. Wenn ich mich also von einer Arbeit trenne, ist das eher ein Motor. Dazu kommt das Gefühl, das sie jemandem Freude macht. Der Aspekt, dass sich die Arbeiten irgendwann in die Welt verteilen – wie immer man Welt definiert – hat etwas Faszinierendes.
Vergangenheiten
Ich sehe gern ältere Arbeiten von mir. Es passieren dann ganz unterschiedliche Sachen: Manchmal denke ich: Schade, da hättest du noch weiter machen können. Oder Leute sagen: Warum hast du da nicht mehr weitergemacht? Solange ich Kunst mache, war es immer so, dass die Leute gesagt haben: Warum machst du nicht mehr das, was du vorher gemacht hast? Warum machst du jetzt das? Das davor war doch viel besser. Aber ein Jahr später haben sich die Positionen verschoben. Ich habe mal ein Jahr lang Schmetterlinge gemalt. Davor waren es Frösche. Davor Pilze. Bei den Fröschen fragten die Leute nach den Pilzen. Als die Schmetterlinge kamen, waren es dann aber die Frösche. So ging das die ganze Zeit. Ich sehe gerne alte Arbeiten von mir. Natürlich fallen dann auch Sachen auf, die damals vielleicht nicht so geklappt haben. Manchmal sehe ich die Arbeiten auch komplett neu.
Ich habe auch mal versucht, Steinmauern zu malen. Ich weiß nicht warum. Oder doch: In Skandinavien gibt es oft Steine, die aufeinandergeschichtet sind zu einer Mauer. Die habe ich zu malen versucht. Das waren richtig schwere Steine, und bei mir wurden es immer Wolken. Da habe ich mich dann festgebissen. Kein Ende gefunden. Momentan ist es eher so, dass ich totalen Zeitdruck mag, weil ich mich sonst verliere. Wenn ich nicht weiß, ich hab den und den Termin und da muss das fertig sein, dann wird es ganz schwierig. Gerade bei größeren Rauminstallationen brauche ich etwas wie die Deadline. Ich bastele ein Modell, stelle dann in der Wirklichkeit fest, dass es eher schwieriger ist … da ist es dann wirklich gut, diesen Punkt zu haben, an dem etwas fertig sein muss.
Wenn jetzt jemand kommt und ein Portrait möchte, dann verweise ich den an jemand anderen. Das ist dann nicht meins. Ich könnte auch keine alte Arbeit von mir kopieren. Das ist einfach ein Punkt, an dem ich nicht mehr bin. Das ist weder positiv noch negativ – es ist einfach eine Feststellung. Ich bin dann nicht mehr der, der das gemalt hat. Ich müsste mich wahnsinnig verbiegen. Aber verbiegen würde am Ende auch nicht helfen. Das ist irgendwie abgeschlossen. Da komme ich nicht mehr ran. Nehmen wie die Schmetterlinge: Die gab’s halt mal eine Zeitlang. Jetzt nicht mehr. Jetzt arbeite ich anders. Will und kann nicht zurück.
Kritik
Natürlich trifft mich das. Ich bin da nicht so frei. Trotzdem gilt zuerst einmal: Jede Reaktion ist besser als keine Reaktion. Es ist in jedem Fall wichtig, dass du weißt, wer dich lobt und wer dich zerreißt. Es gibt halt Leute, von denen willst du gar nicht gelobt werden. Da weißt du: Wenn die dich loben, dann läuft es schlecht für dich. Das Wichtigste - das braucht jetzt eine Unterstreichung, man hört’s ja nicht – das Wichtigste ist eine Reaktion. Ob positiv oder negativ, ist am Ende wirklich zweitrangig. Wenn jemand meine Arbeit einfach nur wortlos zur Kenntnis nimmt, dann weiß ich halt gar nix. Selbst wenn einer am Ende „furchtbar“ sagt, dann weiß ich doch wenigstens: Das hat den erreicht. Es hat ihn berührt. Natürlich ist auch Kaufen eine positive Reaktion. Da zeigt ja jemand eine direkte Form der Wertschätzung. Der stellt meiner Arbeit etwas gegenüber. Der ist bereit, einen Preis dafür zu zahlen. Ich lebe nun mal von der Kunst. Da ist dann jemand, der nicht nur redet, sondern etwas tut.
Vilém Flusser, Dinge und Undinge. Phänomenologische Skizzen, Carl Hanser Verlag 1993 (ISBN 978 3446 173 217)
Ein Gespräch mit Paul Schwer
Der Auftrag: Schreib doch mal was über den. Der – das ist Paul Schwer. Warum eigentlich nicht. Der Mann ist interessant. Korrektur: Den Mann kenne ich nicht. Seine Arbeiten gefallen mir. Also: Am besten ein Besuch im Atelier. Es passt leider nicht, lässt der Künstler übermitteln. Er hat gerade nichts da. Das kennt man. Wahrscheinlich würde ich schon auf den ersten drei Metern über vier Arbeiten stolpern. Aber: Er hat gerade nichts. Schwer kommt also ‚runter‘: Niederrhein, unten links, knapp vor dem Gouda-Äquator: Die Galerie Ebbers. Treffen in der Galeristenwohnküche. Suppe. Bier. Tee. Was man so braucht. Es tut ihm leid, dass die Sache mit dem Atelier nicht geklappt hat. Ein Andermal. Für jetzt und hier: Gespräche über das Wesentliche. Draußen dämmert es. Drinnen auch: Das wird ein ruhiges Gespräch. Kein Fragenkatalog. Unterhaltung fernab vom Kunst-Kanon. Einfach mal in die Luft schießen und abwarten, was nach dem Knall passiert. Können wir? Wir können. Änd Äcktschen.
Ist eine Skulptur Malen im Raum?
Es gibt eine Art von … nennen wir es mal Definitionszwang. Da geht es permanent um die Frage: Biste jetzt Maler, oder biste Bildhauer? Die Antwort ist unwichtig und heute überholt. Es gibt einfach zwei Ausgangspunkte. Das eine ist die Farbe. Das zieht mich an und geht natürlich in Richtung Malerei. Das andere, das mich immer beschäftigt hat, ist der Ort der Malerei. Ort ist dabei natürlich ein zweideutiger Begriff. Was ich meine ist der Träger der Malerei. Wo trägst du deine Farbe auf? Malerei kommt doch eigentlich von der Wandmalerei. Das ist gewissermaßen der Ursprung. Die erste Wand war die in einer Höhle. Ein Bildchen unterm Arm zu tragen – das ist ja eine eher späte Entwicklung. Das jedenfalls ist meine Wahrnehmung.
Wände gibt es immer. Die erste Wand, die du erlebst, ist die Gebärmutter – deine letzte Wand ist dann die des Sarges. Das stammt aus Vilém Flussers „Dinge und Undinge“. Du bist also permanent von Wänden umgeben. Genau das hat mich immer interessiert. Ich erinnere mich noch an eines meiner ersten Ateliers. Unten gab es lauter dicke Wände – oben drüber war ein großer Dachstuhl. Unten habe ich die kleineren Bilder gemalt, und oben musste ich mir die Wände eigentlich selber bauen: Das waren dann direkt die Bilder. Das ist im Grunde zusammengefallen: Bild und Wand waren plötzlich dieselbe Sache. Genau da liegt dieser Augenblick von Spannung: Wie die Vorstellungen von einem Raum einen Einfluss auf die Malerei und auf die Farbe bekommt.
Bei der Gotik zum Beispiel hast du das Gefühl, dass Wände sich auflösen in Licht. Ich für meinen Teil habe irgendwann angefangen, Malerei in Einzelteile zu zerlegen. Da ist die Farbe. Da ist der Bildträger. Und dann ist da das Licht. Das sind die drei zentralen Komponenten für mich. Das beeinflusst sich natürlich gegenseitig. Wenn beispielsweise das Licht stärker wird, ist die Farbe transparenter. Wenn du das dann zu einer Wand zusammendenkst, kommst du sehr schnell an den Punkt, wo klar wird: Das Material ist dann Glas. Oft hat der Schaffensprozess aber auch damit zu tun, welches Material da ist – was also zur Verfügung steht. Das übt natürlich dann auch einen Einfluss aus. Das bekommt beim Denken ein ganz eigenes spezifisches Gewicht.
In meinem letzten Atelier gab’s ziemlich große Glaswände – das waren ehemalige Großraumbüros. Da stand einfach überall Glas herum. Ein toller Bildträger. Farbträger. Du guckst einfach durch. Hast diese Transparenz und somit ist immer auch der Raum mit im Spiel. Der Bildträger lässt ihn quasi durch. Das ist eine vollkommen andere Situation als du sie mit einer Leinwand erlebst. Da findet eine andere Verortung im Raum statt. Genau das sind die Vorgänge, die mich schon immer interessiert haben. Einfach auch mal davon wegzugehen, dass ein Bild immer auf der Leinwand stattfindet. Ich habe das natürlich jahrelang auch gemacht. Aber wenn du das einfach mal öffnest, dann stehst du mit einem Mal vor einer unglaublichen Menge von Möglichkeiten, die vorher im wahrsten Sinne des Wortes zugestellt waren. Dann bekommt der Raum plötzlich eine selbstständige Funktion innerhalb der Malerei, weil er dich praktisch zum Teil des Bildes macht, sobald du ihn betrittst.
Das Atelier
Ich habe zum Beispiel ein relativ chaotisches Atelier. Sehr roh. Da könntest du nicht wohnen. Es ist einfach ein Arbeitsraum. Da entstehen dann halt die Bilder. Wenn die dann in eine andere Umgebung kommen, habe ich das Gefühl: Die Bilder verändern ihr Aussehen. Das heißt aber doch, dass das Drumherum schon einen Einfluss ausübt. Dass es für Veränderung sorgt. Das Drumherum ist aber doch der Raum. Indem er Einfluss ausüben kann, ist er gewissermaßen Teil der Kunst. Das lässt sich ja nicht einfach wegdenken. Die Bilder können sich nicht entziehen. Und der Betrachter auch nicht. Es ist ein Zusammenspiel. Eine Art von Dialog. Die Kräfteverhältnisse sind nicht klar definiert.
Natürlich ist das Atelier ein Teil von mir. Ich erkenne mich in jeder Ecke irgendwo wieder. Aber es gibt da schon eine Zweiteilung. Da ist der Raum, in dem ich wohne und der, in dem ich arbeite – wo ich die Sachen um mich herum verteile. Ich brauche eine Art von unordentlicher Ordnung. Es muss die Möglichkeit geschaffen werden, dass sich Dinge begegnen, die sich normalerweise nicht begegnen würden. Das können Farben sein. Oder Gegenstände. In jedem Fall ergibt sich aus solchen Begegnungen eine Art Spannung. Da passiert dann etwas, das in mir Bilder auslöst oder Farbklänge freigibt. Ich würde schon sagen, dass ich sehr abhängig bin von Dingen wie Material. Von Farbstimmungen. Von Licht. Da wird es dann wichtig, ob da jetzt eine Styroporplatte steht oder vielleicht ein Stück Eisen. Jedes Material ändert irgendwie die Denkrichtung. Natürlich entstehen Bilder auch über Klänge. Wenn ich Musik höre, werden auch Bilder evoziert. Klänge setzen Prozesse in Gang.
Zuhause
Da hängen Bilder von Freunden. Von mir finden sich dann eher Probestücke. Manchmal aber auch ein älteres Bild, das mich dann wieder interessiert oder Sachen, an denen ich gerade arbeite – über die ich nachdenke … die ich ausprobiere. Es ist also nicht so, dass die vermeintlich zehn besten Werke aufeinander treffen. Es ist eigentlich mehr eine Testsituation. Wie schon gesagt: Zuhause sehe ich, was mich gerade beschäftigt. Ich finde heraus, was die Bilder aushalten. Was ich aushalte.
Trennung
Früher gab es Punkte, an denen es mir schwerfiel, mich von Bildern zu trennen. Heute ist es manchmal so, dass ich denke: Da ist eine Werkgruppe, die ich gern eine Zeitlang zusammenhalten würde. Das ist eine Art Ensemble, das man gern für eine Ausstellung hätte. Das ist bei mir aber eher die Ausnahme. Es ist mittlerweile meist eher so, dass ich mich freue, wenn etwas weg ist. Der Abschied von einer Arbeit impliziert ja irgendwie den Befehl, etwas Neues zu machen. Du sitzt sonst irgendwann auf einem Haufen Vergangenheit, der dir die Zukunft ausbremst. Und natürlich gibt es auch die verrückte Vorstellung: In jeder Arbeit, die ich neu anfange, ist etwas von der Alten, aber es gibt eben eine Weiterentwicklung. Es wird besser. Das können aber andere besser beurteilen. Ich weiß gottseidank nicht, ob meine besten Arbeiten schon passiert sind. Es ist wichtig, immer wieder etwas Besseres machen zu wollen. Neue Sachen zu versuchen. Neue Richtungen einzuschlagen. Die Vorstellung, das Beste schon gemacht zu haben, ist irgendwie unerträglich. Sie würde doch alles Nachfolgende zur zweiten Wahl machen. Wenn ich mich also von einer Arbeit trenne, ist das eher ein Motor. Dazu kommt das Gefühl, das sie jemandem Freude macht. Der Aspekt, dass sich die Arbeiten irgendwann in die Welt verteilen – wie immer man Welt definiert – hat etwas Faszinierendes.
Vergangenheiten
Ich sehe gern ältere Arbeiten von mir. Es passieren dann ganz unterschiedliche Sachen: Manchmal denke ich: Schade, da hättest du noch weiter machen können. Oder Leute sagen: Warum hast du da nicht mehr weitergemacht? Solange ich Kunst mache, war es immer so, dass die Leute gesagt haben: Warum machst du nicht mehr das, was du vorher gemacht hast? Warum machst du jetzt das? Das davor war doch viel besser. Aber ein Jahr später haben sich die Positionen verschoben. Ich habe mal ein Jahr lang Schmetterlinge gemalt. Davor waren es Frösche. Davor Pilze. Bei den Fröschen fragten die Leute nach den Pilzen. Als die Schmetterlinge kamen, waren es dann aber die Frösche. So ging das die ganze Zeit. Ich sehe gerne alte Arbeiten von mir. Natürlich fallen dann auch Sachen auf, die damals vielleicht nicht so geklappt haben. Manchmal sehe ich die Arbeiten auch komplett neu.
Ich habe auch mal versucht, Steinmauern zu malen. Ich weiß nicht warum. Oder doch: In Skandinavien gibt es oft Steine, die aufeinandergeschichtet sind zu einer Mauer. Die habe ich zu malen versucht. Das waren richtig schwere Steine, und bei mir wurden es immer Wolken. Da habe ich mich dann festgebissen. Kein Ende gefunden. Momentan ist es eher so, dass ich totalen Zeitdruck mag, weil ich mich sonst verliere. Wenn ich nicht weiß, ich hab den und den Termin und da muss das fertig sein, dann wird es ganz schwierig. Gerade bei größeren Rauminstallationen brauche ich etwas wie die Deadline. Ich bastele ein Modell, stelle dann in der Wirklichkeit fest, dass es eher schwieriger ist … da ist es dann wirklich gut, diesen Punkt zu haben, an dem etwas fertig sein muss.
Wenn jetzt jemand kommt und ein Portrait möchte, dann verweise ich den an jemand anderen. Das ist dann nicht meins. Ich könnte auch keine alte Arbeit von mir kopieren. Das ist einfach ein Punkt, an dem ich nicht mehr bin. Das ist weder positiv noch negativ – es ist einfach eine Feststellung. Ich bin dann nicht mehr der, der das gemalt hat. Ich müsste mich wahnsinnig verbiegen. Aber verbiegen würde am Ende auch nicht helfen. Das ist irgendwie abgeschlossen. Da komme ich nicht mehr ran. Nehmen wie die Schmetterlinge: Die gab’s halt mal eine Zeitlang. Jetzt nicht mehr. Jetzt arbeite ich anders. Will und kann nicht zurück.
Kritik
Natürlich trifft mich das. Ich bin da nicht so frei. Trotzdem gilt zuerst einmal: Jede Reaktion ist besser als keine Reaktion. Es ist in jedem Fall wichtig, dass du weißt, wer dich lobt und wer dich zerreißt. Es gibt halt Leute, von denen willst du gar nicht gelobt werden. Da weißt du: Wenn die dich loben, dann läuft es schlecht für dich. Das Wichtigste - das braucht jetzt eine Unterstreichung, man hört’s ja nicht – das Wichtigste ist eine Reaktion. Ob positiv oder negativ, ist am Ende wirklich zweitrangig. Wenn jemand meine Arbeit einfach nur wortlos zur Kenntnis nimmt, dann weiß ich halt gar nix. Selbst wenn einer am Ende „furchtbar“ sagt, dann weiß ich doch wenigstens: Das hat den erreicht. Es hat ihn berührt. Natürlich ist auch Kaufen eine positive Reaktion. Da zeigt ja jemand eine direkte Form der Wertschätzung. Der stellt meiner Arbeit etwas gegenüber. Der ist bereit, einen Preis dafür zu zahlen. Ich lebe nun mal von der Kunst. Da ist dann jemand, der nicht nur redet, sondern etwas tut.
Vilém Flusser, Dinge und Undinge. Phänomenologische Skizzen, Carl Hanser Verlag 1993 (ISBN 978 3446 173 217)


