Galerie Ebbers
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Notthoff, Hans-Willi

... außer Kontrolle
Heiner Frost

Ein Atelierbesuch ist immer etwas Besonderes: Die Visite beim Unfertigen – eine Art von Ausflug in den Künstlerkopf. Gleichzeitig ist ein Atelier kein Ort des Heiligen. Es ist eine Werkstatt. Eine Verdauungsmaschine. Nicht mehr. Nicht weniger.

Setz dich
Wo bei anderen Schraubenschlüssel liegen oder Sägeblätter, finden sich hier Pinsel, Farben, meist eine Musikanlage, Werkzeuge aller Art, Keilrahmen, Leinwände und – fast immer – eine Kaffeemaschine. Hans Willi Notthoffs Atelier ist keine Ausnahme. Es ist ein Protokoll seiner Arbeit. ‘Die Arbeit der Dinge’ heißt einer seiner Ausstellungstitel. Notthoff als erster Zeuge beim Entstehen seiner Kunst. »Setz dich«, sagt er. Auf dem Tisch stehen Wasser, eine Schale mit Oliven – ein bisschen Fingerfood. »Wie nimmst du deinen Kaffee?«, fragt Notthoff. »Schwarz.Ohne Zucker.« Also: Reden wir über Kunst ...

Streifen, Sterne, Kreise
»Eine Zeitlang habe ich diese Streifenbilder gemalt, die unter dem Werkbegriff Cargo laufen. Die waren sehr kontrolliert. Da habe ich mit einem sehr breiten Pinsel liegende Leinwand bearbeitet. Bei dieser Art des Auftragens kontrollierst du natürlich die Parameter sehr genau. Was kommt wo hin? Wie viel trage ich auf?
Irgendwann entstand dann der Wunsch nach einer Arbeitsmethode, die ich weniger kontrollieren kann. Ich weiß nicht mehr genau, wie das passiert ist, aber ich habe dann angefangen mit Tesa-Krepp-Streifen Linien auf Bilder zu kleben – zu übermalen und die dann teilweise abzuziehen oder erst drauf zu lassen, denn an der Stelle, wo diese Streifen waren, verändert sich natürlich die Farbe, oder sie kommt von unten durch. Da entstehen zwangsläufig Schichten. Überlagerungen. Diese Technik habe ich eine Zeitlang ausgearbeitet.
Nach den Tesa-Streifen habe ich zunächst mit Kreuzstreifen gearbeitet (das passierte ungefähr zu der Zeit als Deutschland Papst wurde) – danach wurden es Sterne. Wenn du beim Stern ankommst, bist du eigentlich schon fast beim Kreis. Ich habe mir also große Rollen mit Klebefolie besorgt und Kreise ausgeschnitten. Die habe ich auf die Leinwand geklebt und übermalt.
Das ist ja so eine Art Umkehrprozess des Malens. Wenn du nach dem Übermalen die Form abziehst, ist darunter ja nicht die gemalte Farbe, sondern der Untergrund. Wenn ein solcher Prozess aber in vielen Schichten stattfindet, ist das eine ziemlich vielschichtige Angelegenheit. Während der Entstehung sehe ich nie das ganze Bild. Was ich sehe, ist eine Art von Zwischenzustand. Das erfordert Vorstellungskraft. Du fragst dich natürlich während der Entstehung, wie das am Ende aussieht. Die Kontrolle ist auf eine andere Ebene verlagert. Wenn du die Farbe direkt auf eine Leinwand aufträgst, ist das eine wesentliche unmittelbarere Form des Gestaltens.«

Das Bild zeigt sich
»Durch das Abkleben kommt ein zusätzliches Moment in den Arbeitsprozess. Das alles hebt aber die innere Logik des Arbeitens nicht auf. Ich meine die Logik der Farben: Die Art und Weise, wie sie aufeinander reagieren – miteinander kommunizieren. Ob sie sich optisch mischen oder decken. Ich muss dann entscheiden: Will ich eher einen Kontrast, oder geht es um einen chromatischen Übergang. Ich kann all das bestimmen, aber es bleibt immer ein Rest Unsicherheit, der durch das Verfahren vorgegeben und natürlich gewollt ist.
Schließlich ist dieser finale Augenblick erreicht – der ‘Jetztreichtsmoment’. Dann beginnt das Warten. Die Farbe muss ja erst trocknen, bevor ich die Folien abziehen kann. Meist denke ich dann: Jetzt müsste ich Leute einladen und ein Fest feiern.  Eine Performance daraus machen: Die Folie wird entfernt: Das Bild zeigt sich. Manchmal ist die Spannung so groß, dass ich es kaum aushalte und die Folie nass abziehe. In jedem Fall gibt es für diesen Augenblick zwei Aggregatszustände. Der eine ist „Wow!“ – der andere geht eher in Richtung Enttäuschung. Zum Glück ist es meistens „Wow!“ Manchmal passiert es auch, dass ich ein neues Bild am Abend enttäuscht verlasse. Am nächsten Morgen lacht es mich an.
Diese Art zu arbeiten hat für Außenstehende vielleicht etwas mit Kontrollverlust zu tun – für mich bedeutet es eher eine Art Urvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Der Teil der Arbeit, der sich der Kontrolle entzieht, schafft gleichzeitig den Raum für neue Möglichkeiten. Das ist für jeden Künstler ein wichtiger Bestandteil der Arbeit: Das Öffnen neuer Räume. Wenn du ständig in denselben Bahnen unterwegs bist, tritt eine Art von Stillstand ein..«

Form oder Farbe
»Wenn ich mit einem Bild beginne, gibt es natürlich eine Idee, in welche Richtung ich gehen möchte. Kann sein, dass ich das Bild auf dem Grundklang Gelb aufbaue. Natürlich kannst du ein Bild von verschiedenen Standpunkten aus denken. Aber in dem Augenblick, in dem ich Kreise ausschneide, steht doch eines fest: Die Farbe kann ich ändern. Ein Kreis bleibt immer rund. Es tritt also ein von mir festgelegtes Regelwerk in Kraft. Dieses Regelwerk heißt beispielsweise Kreis. Bei aller Aufgabe der Kontrolle ist da noch immer sehr viel vorgegeben.
Wenn alle Regeln wegfallen, entsteht Beliebigkeit. Fest steht aber doch: Ich bestimme das Format. Ich bestimme, wie groß die Kreise sind. Ich bestimme das malerische Medium, also: Leinwand, Acrylfarbe, Ölfarbe – das alles kontrolliere ich, durch bewusste Auswahl. Die Beschränkung auf den Kreis ist ein Gewinn.. Natürlich könnte ich andere Formen einsetzen – vielfältigere Strukturen schaffen.  Das würde allerdings etwas Narratives nach sich ziehen. Vielleicht ist es genau das, was mich dann stören würde. In meinen Bildern gibt es eine illusionistische Räumlichkeit. Es gibt fliegende Apfelsinen. Aber am Ende nehmen sich die Bilder immer wieder zurück – kehren heim zum Hauptthema von Farbe und Farbraumwirkung.«

Über die Dörfer
»Im Grunde bin ich ein Junge vom Dorf. Früher habe ich draußen gemalt. So habe ich mit dem Studium angefangen. Ich habe mich dann völlig davon weg bewegt. Dann hatte ich den Punkt erreicht, wo ich aus der Beobachtung von Landschaft, Architektur – also von draußen gesehenen Dingen – Abstraktionen entwickelt habe. Es entstanden Bilder, die sich sehr vom Vor-Bild lösten, aber immer noch daran orientiert waren.
Plötzlich fand ich mich in einer Art Falle wieder. Einerseits wollte ich mich noch immer an der Quelle des Gesehenen inspirieren – andererseits ging es mir längst um etwas, das ich mal ‚autonomes Bild‘ nennen möchte - ein Bild also, das auf nichts anderes verweist als auf sich selbst. Mitte der Neunziger bin ich nicht mehr weitergekommen. Ich bin dann dazu übergegangen, wieder draußen zu malen … hab’ mich hingestellt und den Baum gemalt – die Straßenbahn, den Blick auf den Rhein. So habe ich mir die Freiheit geschaffen, all das anschließend im Atelier völlig außen vor zu lassen. Da fand gewissermaßen die Konzentration auf Farbe und Fläche statt. Die abbildende Ebene – das Erzählerische also – blieb quasi draußen, ohne dass ich darauf verzichten musste. Diese Trennung hat mir geholfen. Sie hat ein verzichtsloses Gleichgewicht hergestellt. Ich versuche heute noch, mindestens einmal im Jahr einen solchen Arbeitsblock einzurichten, bin dann draußen und beschäftige mich mit dem Erzählen. Es geht, damit wir uns nicht falsch verstehen, nicht um die Unterscheidung von draußen und drinnen. Es geht im Kern darum, einen Arbeitsraum außerhalb der gewohnten Atmosphäre entstehen zu lassen. Ich kann das im alltäglichen Leben nur schwer unterbringen. Ich muss dann einfach weg. Muss eine Woche in Holland sein. In  Italien. Irgendwo.«

Regelmaß
»Ich muss jeden Tag ins Atelier. Das ist manchmal mehr, manchmal weniger. Für mich ist das Regelmaß sehr wichtig. Es geht darum, dass der Faden nicht reißt. Ich befasse mich täglich mit meinen Bildern – knüpfe immer wieder an, mache immer wieder weiter. Du malst eine Schicht. Dann wartest du. Warten ist kein denk- und arbeitsfreier Zustand. Es geht immer um diesen Spannungsbogen ... «

Abspann
Haben die Bilder gehört, was Notthoff über sie sagt? Vielleicht sollten wir noch irgendwo was essen gehen. ‘Zurückkehr’ ins Leben. Die Leinwände können ausruhen. Es bleibt die Frage nach dem Eigentlichen. Findet es im Bild statt? »Wo gehen wir hin?« »Vielleicht zum Chinesen.«

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