Köster, Matthias
Keine Feder hinterm Ohr
Auf Atelierbesuch bei Matthias Köster. Von Heiner Frost.
Keine Feder hinterm Ohr
Es könnte sein, dass die Tattoo-Mädchen gestern noch gelacht haben. Köster ist nicht sicher.
Köster trägt keine Feder hinterm Ohr. („Manche Leute stellen sich so einen Künstler vor.“)
Köster ist Maler. Er malt nicht, um die Welt zu verändern; malt nicht, um ein Leiden zu dokumentieren; auch nicht, um sich an der Kunst zu therapieren. Köster malt, weil er muss. Man
könnte auch sagen: Köster tut, was er kann. Und er kann, was er tut. Kösters Tun, das Malen
also, hat nichts Zwanghaftes - ist nicht ungesund. Eigendiagnose: „Ich bin einfach nur fleißig.“
Malen üben
Ein Pianist braucht die Technik. Ein Maler auch. Malen können heißt Malen üben. Malen üben heißt: Fähigkeiten wach halten. Zurück zum Täglichen. Einer wie Köster muss malen. Müssen
steht für: Nicht anders können. Wichtig: Das ‘nicht’ hat kein ‘s’ am Ende.
Auf Besuch
„Schön, dass Sie kommen“, sagt Köster. Ein Atelierbesuch ist ein bisschen wie der Besuch
im Zoo, nachdem selbst die Wärter gegangen sind. Ein Maler im Freigehege. Es gibt Espresso
mit Puderzucker. („Der Rest ist alle.“) Was soll’s - es geht um Kunst und nicht um Süßigkeiten.
Im Ring
Malen ist angewandte Einsamkeit. Das Atelier: Ein Boxring mit nur einem Kämpfer. Aber
niemand muss sich Sorgen um Köster machen. Der Mann ist Überzeugungstäter. Seine Taten
sind längst in der Welt verstreut. Erfolg ist eine relative Sache. Er beginnt meist außerhalb des
Ateliers. Erfolg ist Nachfrage. Erfolg ist Reaktion. Malen ist der Sieg der Phantasie über den Moment. Vielleicht. Es ist der Augenblick, der ein Stück in die Ewigkeit wächst. Wenn es funktioniert. Publikum findet anderswo statt. Später. Dann kann der Kämpfer ein Echo einatmen.
Kunst ist alles andere als der Moment des Musenkusses - umstellt von endloser Wartezeit.
Ein Bild kommt nur zu dir, wenn du ihm entgegengehst. Ein Bild lebt und - es ändert sich. (Könnte es sein, dass die Tattoo-Mädchen gestern noch gelacht haben?) Die Tattoo-Mädchen sind Köster-Wesen von jetzt. Vom Aluminium blicken sie übers Atelier. Nichts entgeht ihnen.
Würde man sie austauschen wollen - es könnte auch die Taylor sein oder Madonna, die
Schiffer. Köster hat sie gemalt - sie haben längst das Haus verlassen. Leben hier und da. Bei
Sammlern. In Galerien. Und lächeln anderswo. Oder nicht. Kösters Bildpersonal derzeit:
Überwiegend weiblich.
Gezwiebelt
„Ich könnte nicht malen, wenn es mir schlecht geht“, sagt Köster. Er sagt auch: „Das Motiv eines Bildes ist bestenfalls die Eintrittskarte.“ Im Augenblick des Malens ist das Motiv auf der äußersten Schale des Mitteilens. Darunter erst beginnt die wahre Zwiebel des Wahrnehmens. Vielschichtigkeit ohne Tränenfluss. Wenn Köster Schriftsteller wäre, würde man nicht so sehr
darauf achten, welche Geschichte er erzählt. Man würde darauf achten, wie er sie erzählt. (Du
siehst nur, was du weißt.)
Die letzten Häuser
Die „Ultima Casa“ zum Beispiel. Köster hat Gräber gemalt. Viele Gräber. Das Grab von Rilke
ist ebenso dabei wie das von Dvorak, Stravinsky, Poe oder Oscar Wilde. Der Urgedanke: Malergräber. „Ich wollte hundert Maler neben mir.“ (Die Einsamkeit mit den Einsamen teilen.) Wirklichkeit hält sich nicht an Pläne. Zu den Malern kamen Schriftsteller, Regisseure, Komponisten.
Köster hat alle Gräber besucht, fotografiert und in Bilder transformiert - Bilder, die kaum vom
Tod erzählen: In ihrer strahlenden Farbigkeit wirken viele der „Ultima Casa“ wie eine Einladung.
Niemand muss sich Sorgen machen um Köster. Wenn einer Gräber malt, muss er nicht gleich hinein wollen. („Malen muss auch eine Freude vermitteln. Das hätte ich nicht malen können, wenn ich einen Trauerfall gehabt hätte“, sagt er.) Vielleicht hat sich da einer nur eingegraben
in etwas?
Gut verteilt
Die „Ultima Casa“ – längst verteilt in der Welt. In Paris gezeigt. In New York gezeigt. Die
Serie: Abgeschlossen. Jedes Bild ein Augenblick. Unwiederholbar. Natürlich könnte Köster die
Farben wieder anmischen. Aber man würde es merken. Könnte Köster Köster fälschen? Nein.
Das wäre irgendwie nicht echt. Die meisten Gräber haben längst das Haus verlassen. Erinnerungen finden im Katalog statt. Dvorak sucht ein Zuhause. Noch wohnt er im Atelier – zusammen mit Stravinsky und den Tattoo-Mädchen.
Leer und voll
Das Atelier als ‘ultima casa’? Bestimmt nicht. Atelier ist Anfang. Enden finden anderswo
statt. Überhaupt: Das Atelier. Köster sagt: „Es ist momentan alles leer.“ Der Besucher blinzelt
mit den Augen und glaubt an eine akute Wahrnehmungsstörung. Für den einen leer - für
den anderen: Eine Blickwiese. Die letzten Bilder - gerade entstanden - sind abtransportiert.
Derzeit hängen sie in Kranenburg (Galerie Ebbers). Als die Bilder zur Ausstellung wanderten,
atmeten die Farben noch. Köster ist ein Mann des vorletzten Augenblicks. Im September
wird er eine Galerie in „New York“ bespielen. 300 Quadratmeter Platz in der neuen Welt. Noch ist kein Strich getan. („Ich male gern unter Druck.“) Was dem einen ein Gräuel, ist dem anderen Ansporn.
Feucht ist neu
Kösters Galerist Klaus Ebbers erinnert sich noch an das letzte Jahr. „Als wir zur Art Amsterdam
fuhren, waren Matthias’ Bilder noch feucht.“ (Der vorletzte Augenblick.) Feucht ist frisch?
Nein. Feucht ist neu. Ein Bild schert sich nicht um frisch oder neu. Gut muss es sein, dann zeigt
es permanent Präsenz. Nicht jedes Bild schafft es in die Ewigkeit. „Das Malen braucht Kraft“,
sagt Köster. Er ist keiner, der in einer Krise malen könnte. Natürlich meint er nicht die Krise
der anderen. Er meint sich. In einem gesunden Körper wohnt ein gesundes Bild. „Es ist nicht
so, dass das Malen eine Aufgabe hat“, sagt Köster. Kösters Bilderwelt findet auf Aluminium statt - derzeit jedenfalls. Aluminium? „Aluminium.“ Das hat viele Gründe. Einer davon: Die Farbe sackt nicht ein wie bei einer Leinwand. Trotzdem bleibt Köster nicht an der Oberfläche. Kösters Bilder haben Schichten. Sind wie eine Haut. Verletzlich. Verwundbar. Fragil. Trotzdem: Aluminium ist ungeduldig. Das Material verlangt Tempo. Tempo muss einer sich leisten können. Köster kann das.
Virtuose
„Köster kann überhaupt alles“, sagt Klaus Ebbers und spricht von der Virtuosität des Malers. Was aber bedeutet schon Virtuosität? Wie leicht gleitet sie ab in eine seelenlose Könnens-Show, die nichts kann als beeindrucken. Beeindrucken - das findet auf der Außenhaut der Zwiebel statt.
Köster will nach innen. Immer. Das Motiv - die Eintrittskarte. Nicht Gitter, sondern Tür.
(Wenn du malst, möchtest du die Leute ins Bild einladen.) Ob die Tattoo-Mädchen morgen
lachen werden? Köster will sich da nicht festlegen.
Auf Atelierbesuch bei Matthias Köster. Von Heiner Frost.
Keine Feder hinterm Ohr
Es könnte sein, dass die Tattoo-Mädchen gestern noch gelacht haben. Köster ist nicht sicher.
Köster trägt keine Feder hinterm Ohr. („Manche Leute stellen sich so einen Künstler vor.“)
Köster ist Maler. Er malt nicht, um die Welt zu verändern; malt nicht, um ein Leiden zu dokumentieren; auch nicht, um sich an der Kunst zu therapieren. Köster malt, weil er muss. Man
könnte auch sagen: Köster tut, was er kann. Und er kann, was er tut. Kösters Tun, das Malen
also, hat nichts Zwanghaftes - ist nicht ungesund. Eigendiagnose: „Ich bin einfach nur fleißig.“
Malen üben
Ein Pianist braucht die Technik. Ein Maler auch. Malen können heißt Malen üben. Malen üben heißt: Fähigkeiten wach halten. Zurück zum Täglichen. Einer wie Köster muss malen. Müssen
steht für: Nicht anders können. Wichtig: Das ‘nicht’ hat kein ‘s’ am Ende.
Auf Besuch
„Schön, dass Sie kommen“, sagt Köster. Ein Atelierbesuch ist ein bisschen wie der Besuch
im Zoo, nachdem selbst die Wärter gegangen sind. Ein Maler im Freigehege. Es gibt Espresso
mit Puderzucker. („Der Rest ist alle.“) Was soll’s - es geht um Kunst und nicht um Süßigkeiten.
Im Ring
Malen ist angewandte Einsamkeit. Das Atelier: Ein Boxring mit nur einem Kämpfer. Aber
niemand muss sich Sorgen um Köster machen. Der Mann ist Überzeugungstäter. Seine Taten
sind längst in der Welt verstreut. Erfolg ist eine relative Sache. Er beginnt meist außerhalb des
Ateliers. Erfolg ist Nachfrage. Erfolg ist Reaktion. Malen ist der Sieg der Phantasie über den Moment. Vielleicht. Es ist der Augenblick, der ein Stück in die Ewigkeit wächst. Wenn es funktioniert. Publikum findet anderswo statt. Später. Dann kann der Kämpfer ein Echo einatmen.
Kunst ist alles andere als der Moment des Musenkusses - umstellt von endloser Wartezeit.
Ein Bild kommt nur zu dir, wenn du ihm entgegengehst. Ein Bild lebt und - es ändert sich. (Könnte es sein, dass die Tattoo-Mädchen gestern noch gelacht haben?) Die Tattoo-Mädchen sind Köster-Wesen von jetzt. Vom Aluminium blicken sie übers Atelier. Nichts entgeht ihnen.
Würde man sie austauschen wollen - es könnte auch die Taylor sein oder Madonna, die
Schiffer. Köster hat sie gemalt - sie haben längst das Haus verlassen. Leben hier und da. Bei
Sammlern. In Galerien. Und lächeln anderswo. Oder nicht. Kösters Bildpersonal derzeit:
Überwiegend weiblich.
Gezwiebelt
„Ich könnte nicht malen, wenn es mir schlecht geht“, sagt Köster. Er sagt auch: „Das Motiv eines Bildes ist bestenfalls die Eintrittskarte.“ Im Augenblick des Malens ist das Motiv auf der äußersten Schale des Mitteilens. Darunter erst beginnt die wahre Zwiebel des Wahrnehmens. Vielschichtigkeit ohne Tränenfluss. Wenn Köster Schriftsteller wäre, würde man nicht so sehr
darauf achten, welche Geschichte er erzählt. Man würde darauf achten, wie er sie erzählt. (Du
siehst nur, was du weißt.)
Die letzten Häuser
Die „Ultima Casa“ zum Beispiel. Köster hat Gräber gemalt. Viele Gräber. Das Grab von Rilke
ist ebenso dabei wie das von Dvorak, Stravinsky, Poe oder Oscar Wilde. Der Urgedanke: Malergräber. „Ich wollte hundert Maler neben mir.“ (Die Einsamkeit mit den Einsamen teilen.) Wirklichkeit hält sich nicht an Pläne. Zu den Malern kamen Schriftsteller, Regisseure, Komponisten.
Köster hat alle Gräber besucht, fotografiert und in Bilder transformiert - Bilder, die kaum vom
Tod erzählen: In ihrer strahlenden Farbigkeit wirken viele der „Ultima Casa“ wie eine Einladung.
Niemand muss sich Sorgen machen um Köster. Wenn einer Gräber malt, muss er nicht gleich hinein wollen. („Malen muss auch eine Freude vermitteln. Das hätte ich nicht malen können, wenn ich einen Trauerfall gehabt hätte“, sagt er.) Vielleicht hat sich da einer nur eingegraben
in etwas?
Gut verteilt
Die „Ultima Casa“ – längst verteilt in der Welt. In Paris gezeigt. In New York gezeigt. Die
Serie: Abgeschlossen. Jedes Bild ein Augenblick. Unwiederholbar. Natürlich könnte Köster die
Farben wieder anmischen. Aber man würde es merken. Könnte Köster Köster fälschen? Nein.
Das wäre irgendwie nicht echt. Die meisten Gräber haben längst das Haus verlassen. Erinnerungen finden im Katalog statt. Dvorak sucht ein Zuhause. Noch wohnt er im Atelier – zusammen mit Stravinsky und den Tattoo-Mädchen.
Leer und voll
Das Atelier als ‘ultima casa’? Bestimmt nicht. Atelier ist Anfang. Enden finden anderswo
statt. Überhaupt: Das Atelier. Köster sagt: „Es ist momentan alles leer.“ Der Besucher blinzelt
mit den Augen und glaubt an eine akute Wahrnehmungsstörung. Für den einen leer - für
den anderen: Eine Blickwiese. Die letzten Bilder - gerade entstanden - sind abtransportiert.
Derzeit hängen sie in Kranenburg (Galerie Ebbers). Als die Bilder zur Ausstellung wanderten,
atmeten die Farben noch. Köster ist ein Mann des vorletzten Augenblicks. Im September
wird er eine Galerie in „New York“ bespielen. 300 Quadratmeter Platz in der neuen Welt. Noch ist kein Strich getan. („Ich male gern unter Druck.“) Was dem einen ein Gräuel, ist dem anderen Ansporn.
Feucht ist neu
Kösters Galerist Klaus Ebbers erinnert sich noch an das letzte Jahr. „Als wir zur Art Amsterdam
fuhren, waren Matthias’ Bilder noch feucht.“ (Der vorletzte Augenblick.) Feucht ist frisch?
Nein. Feucht ist neu. Ein Bild schert sich nicht um frisch oder neu. Gut muss es sein, dann zeigt
es permanent Präsenz. Nicht jedes Bild schafft es in die Ewigkeit. „Das Malen braucht Kraft“,
sagt Köster. Er ist keiner, der in einer Krise malen könnte. Natürlich meint er nicht die Krise
der anderen. Er meint sich. In einem gesunden Körper wohnt ein gesundes Bild. „Es ist nicht
so, dass das Malen eine Aufgabe hat“, sagt Köster. Kösters Bilderwelt findet auf Aluminium statt - derzeit jedenfalls. Aluminium? „Aluminium.“ Das hat viele Gründe. Einer davon: Die Farbe sackt nicht ein wie bei einer Leinwand. Trotzdem bleibt Köster nicht an der Oberfläche. Kösters Bilder haben Schichten. Sind wie eine Haut. Verletzlich. Verwundbar. Fragil. Trotzdem: Aluminium ist ungeduldig. Das Material verlangt Tempo. Tempo muss einer sich leisten können. Köster kann das.
Virtuose
„Köster kann überhaupt alles“, sagt Klaus Ebbers und spricht von der Virtuosität des Malers. Was aber bedeutet schon Virtuosität? Wie leicht gleitet sie ab in eine seelenlose Könnens-Show, die nichts kann als beeindrucken. Beeindrucken - das findet auf der Außenhaut der Zwiebel statt.
Köster will nach innen. Immer. Das Motiv - die Eintrittskarte. Nicht Gitter, sondern Tür.
(Wenn du malst, möchtest du die Leute ins Bild einladen.) Ob die Tattoo-Mädchen morgen
lachen werden? Köster will sich da nicht festlegen.


